Unser aktu­el­ler Hinge­schaut-Beitrag befasst sich mit einer Beob­ach­tung, die viele von Euch sicher auch schon gemacht haben: Die Präsi­dent­schafts­wahl in den USA ist ein echtes Dauer­thema. Ob Berichte über Fern­seh­du­elle, Einschät­zun­gen von US-Korrespondent*innen oder State­ments der beiden Kandi­da­ten – Soziale Medien, das Zeitungs­re­gal und Nach­rich­ten­sen­dun­gen sind voll damit. Doch warum ist das eigent­lich so? Und wer sind diese Wahl­män­ner und Wahl­frauen, von denen man über­all hört? Diese und andere Fragen haben wir an den Exper­ten Profes­sor Dr. Hubert Zimmer­mann gestellt. Der Wissen­schaft­ler arbei­tet am Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaft der Phil­ipps-Univer­si­tät Marburg.

Profes­sor Dr. Hubert Zimmermann

Deutsch­land und die USA arbei­ten seit dem Ende des 2. Welt­kriegs sicher­heits­po­li­tisch, mili­tä­risch und wirt­schaft­lich eng zusam­men. Auch wenn Deutsch­land nicht mehr auf den Schutz der USA ange­wie­sen ist, ist die Zusam­men­ar­beit bei vielen inter­na­tio­na­len Krisen, aber auch bei der Bekämp­fung des Terro­ris­mus, funda­men­tal. Wirt­schaft­lich sind wir eng verfloch­ten: die Gewinne zahl­lo­ser Firmen und viele Arbeits­plätze hängen vom Handel mit den USA ab. Viele Ziele, zum Beispiel beim Umwelt­schutz, können Deutsch­land und Europa kaum ohne Koope­ra­tion der USA errei­chen. In all diesen Fragen ist es extrem wich­tig, ob in den USA eine Regie­rung an der Macht ist, für die inter­na­tio­nale Zusam­men­ar­beit wich­tig ist.

Auch in den USA darf man als Bürger ab 18 wählen, falls man den Wohn­sitz in einem der 50 Bundes­staa­ten hat oder hatte, und keine Gefäng­nis­strafe verbüßt oder, in eini­gen Staa­ten, verbüßte. Davon sind bei jeder Wahl mehrere Millio­nen US-Bürger betroffen.

Das ameri­ka­ni­sche Wahl­sys­tem sieht keine Direkt­wahl des Präsi­den­ten vor. Es wird getrennt nach Bundes­staa­ten gewählt. Jeder Bundes­staat entsen­det eine bestimmte Anzahl von Wahl­män­nern oder ‑frauen in das soge­nannte Elec­to­ral College. Wer dort die Mehr­heit hat, das heißt 270 Wahl­män­ner/-frauen, wird Präsi­dent. Die Bundes­staa­ten entsen­den je nach Größe eine unter­schied­li­che Zahl von Wahl­män­nern/-frauen (Kali­for­nien z.B. 55, Wyoming nur 3).  Die Partei, die die Mehr­heit in einem Staat erringt, bekommt alle Wahl­män­ner- /frauenstimmen des Staa­tes (außer in Maine und Nebraska). Die bevöl­ke­rungs­ar­men Staa­ten sind jedoch über­re­prä­sen­tiert, so dass es vorkom­men kann, dass eine Partei die bevöl­ke­rungs­rei­chen Staa­ten gewinnt und damit die Mehr­heit der abge­ge­be­nen Stim­men, aber dennoch weni­ger Wahl­män­ner/-frau­en­stim­men hat.

Auch das liegt am Wahl­sys­tem. Da nur die Partei, die die Mehr­heit in einem Staat gewinnt, auch Wahl­män­ner-/frau­en­stim­men bekommt, haben klei­nere Parteien, die erst einmal nur wenige Prozente erzie­len, kaum eine Chance, sich durchzusetzen.

Das ist durch­aus möglich, wenn das Ergeb­nis knapp ist. Die Auszäh­lun­gen in den einzel­nen Staa­ten sind oft fehler­be­haf­tet, aufgrund veral­te­ter Tech­nik. Deshalb kommt es oft zu Neuaus­zäh­lun­gen. Dazu kommen die Brief­wah­len, die nach und nach eintru­deln und das endgül­tige Ergeb­nis verzö­gern können. Da in eini­gen Staa­ten (den soge­nann­ten Swing States) die Ergeb­nisse oft extrem knapp sind, aber, wie erwähnt, der erst­plat­zierte Kandi­dat alle Wahl­män­ner­stim­men erhält, können kleine Schwan­kun­gen in einem Staat die Wahl für das ganze Land entschei­den. Das ist zum Beispiel 2000 gesche­hen, als der Staat Florida mit nur mini­ma­len Vorsprung an die Repu­bli­ka­ner ging und die Gesamt­wahl im ganzen Land entschied. Damals wurde die Wahl des Repu­bli­ka­ners George W. Bush letzt­lich erst durch das höchste Gericht der USA endgül­tig bestä­tigt, da das Gericht verfügte, weitere Auszäh­lun­gen zu stop­pen. Ähnli­che knappe Auszäh­lun­gen könn­ten auch dies­mal passie­ren. Eben­falls nicht ganz auszu­schlie­ßen sind massive Unru­hen aufgrund von Ausein­an­der­set­zun­gen zwischen den riva­li­sie­ren­den poli­ti­schen Kräf­ten, wenn der Wahl­aus­gang umstrit­ten ist oder ein Kandi­dat seine Wähler zum Wider­stand aufruft. Da zwischen Wahl und Amts­ein­füh­rung des neuen Präsi­den­ten mehr als 2 Monate liegen, können wir uns auf einige Turbu­len­zen einstellen.

Wenn nichts völlig Über­ra­schen­des passiert, wird Biden gewin­nen. Trump hat viele Staa­ten 2016 nur knapp gewon­nen, und es gibt genü­gend Gründe für viele Wähler und Wähle­rin­nen mit seinen Leis­tun­gen unzu­frie­den zu sein. Die Umfra­gen sind denn auch eindeutig.

Grund­sätz­lich befasse ich mich mit den Bezie­hun­gen zwischen Staa­ten, mit einem beson­de­ren Schwer­punkt auf die EU, USA und Ostasien. Dabei geht es mir vor allem darum, zu erklä­ren, weshalb Staa­ten sicher­heits­po­li­tisch oder wirt­schaft­lich zusam­men­ar­bei­ten oder dies eben nicht tun, bis hin zu bewaff­ne­ten Konflik­ten. Warum ist diese Zusam­men­ar­beit oft so schwie­rig? Darüber forsche ich und ich unter­richte dies auch in meinen Seminaren.

Ihr wollt mehr wissen und euch genauer infor­mie­ren? Dann klickt Euch durch unsere Link­samm­lung. Hier haben wir Infos und Anre­gun­gen zum Weiter­re­cher­chie­ren zusammengestellt.

Wahl­män­ner? Wahl­frauen? Swing states? Ja, das Wahl­sys­tem der USA unter­schei­det sich grund­le­gend vom deut­schen Wahl­sys­tem. Folgen­der Film fasst die wich­tigs­ten Eckpunkte zusam­men: https://www.bpb.de/internationales/amerika/usa/305443/us-praesidentschaftswahl-2020

Who is who? Hier könnt Ihr mehr über die Präsi­dent­schafts­kan­di­da­ten Joe Biden und Donald Trump erfah­ren: https://uswahl.lpb-bw.de/uswahl2020-kandidaten

Biden oder Trump? Wer liegt vorne? Werft einen Blick auf die aktu­el­len Umfra­ge­werte und klickt hier: https://uswahl.lpb-bw.de/us-wahlen-umfrageergebnisse

Was hat eine lahme Ente mit dem Amts­an­tritt des Präsi­den­ten zu tun? Eine Antwort findet sich zum Bespiel hier: https://www.bpb.de/internationales/amerika/usa/235644/faq

Fragen? Anmer­kun­gen? Dann schreibt uns eine E‑Mail an jugendbildungswerk@marburg-stadt.de